Stefanie Voss zu Gast im ORF Studio 2
Wagemut, Freiheit und die Frage: Was passiert, wenn du in die falsche Richtung lossegelst – und trotzdem richtig ankommst?
In die falsche Richtung los – und trotzdem richtig angekommen
Im ORF Studio 2 durfte ich über meinen Weg sprechen: Von der kaufmännischen Ausbildung in Leverkusen über zwei Jahre in Buenos Aires bis auf ein 20-Meter-Segelschiff, das mich 14 Monate um die Welt getragen hat. Nicht auf dem direkten Weg – sondern hintenrum. Und genau das ist vielleicht die beste Metapher für vieles im Leben.
Wir sprechen darüber, wie diese Reise mich verändert hat. Wie ich gelernt habe, dass es nicht so wahnsinnig schlau ist, immer recht haben zu wollen. Und warum historische Piraten eigentlich ziemlich gute Vorbilder sind – für Demokratie, Fairness und den Mut, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Wagemut statt Wenn und Aber
Außerdem geht es um die große Frage hinter der Piratenstrategie: Was hindert uns eigentlich daran, die Dinge zu tun, von denen wir wissen, dass sie uns wichtig sind? Und was können wir von Piraten lernen, um Angst, Scham und Konventionen zu überwinden? Das erwartet dich im Interview:
➔ Von der Konzernkarriere auf ein Segelschiff – und was das mit dem Ego macht
➔ Die Piratenstrategie: Freiheit, Selbstbestimmung und Wagemut im Alltag
➔ Was historische Piraten mit Demokratie und Fairness zu tun haben
Hier kannst du direkt den TV-Auftritt sehen:
Teil 1 – Einspieler:
Teil 2 – Interview:
ORF Studio 2
Studio 2 ist das tägliche Magazin im ORF – eine Mischung aus Lifestyle, Gesellschaft und spannenden Gästen. Ich habe mich sehr gefreut, dort zu Gast sein zu dürfen.
Transkript
Birgit Fenderl [00:00:00]:
Schöne Geschichte, immer wieder. Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen. Wir kennen diesen Spruch vom guten alten Aristoteles.
Martin Ferdiny [00:00:09]:
Stimmt einfach.
Birgit Fenderl [00:00:09]:
Er stimmt einfach und er passt so angegossen auf unseren heutigen Stargast, oder?
Martin Ferdiny [00:00:15]:
Ja, Stephanie Voss. Sie ist Coach, Keynote-Speakerin und motiviert Menschen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Aber der Weg dorthin hat sie rund den Globus geführt. Und zwar in einem Segelschiff. Gleich ist sie bei uns.
Einspieler [00:00:38]:
Stefanie Voss entdeckt schon früh ihr Weltenbummler-Gen. Mit 16 geht es als Austauschschülerin in die USA, mit 23 beruflich nach Argentinien, wo sie 2 Jahre später nicht mit dem Flugzeug nach Hause fliegt, sondern auf einem Segelschiff anheuert und davor noch einmal die Welt segelt. 14 Monate auf hoher und teils rauer See. Die dabei gesammelten Erfahrungen wecken die Piratenseele in ihr. Waagemut und Entscheidungen außerhalb der gesellschaftlichen Konventionen machen sie später nicht nur selbst zu 1 erfolgreichen Businessfrau. Die Piratenstrategie soll uns alle motivieren, ein Leben ohne Wenn und aber zu führen.
Martin Ferdiny [00:01:18]:
Von der großen weiten Welt ins Studio 2. Herzlich willkommen, Steffanie.
Stefanie Voss [00:01:22]:
Schön, dass ich da sein darf.
Martin Ferdiny [00:01:24]:
Mit einem Kreuzfahrtschiff die Welt zu durchkreuzen, ist das eine, mit einem Segelboot schon ein bisschen eine andere Challenge. Wie kam es dazu? War das schon ein Lebenstraum von dir? Oder hat sich das zufällig ergeben?
Stefanie Voss [00:01:36]:
Ganz zufällig segelt man nicht die Welt. Ich bin familiär vorbelastet. Ich hab einen Großvater, der war Einhandweltumsegler. Der ist alleine die Welt gesegelt. Deswegen lag das in der Familie. Ich hatte aber nicht so viel Gelegenheit zu segeln. Ich bin fernab vom Meer geboren und aufgewachsen. Dann bin ich aber mit Mitte 20 für meinen damaligen Arbeitgeber nach Argentinien gezogen.
Stefanie Voss [00:01:58]:
In Buenos Aires hatte ich den Rio de la Plata vor der Tür, der ist so breit, das ist wie ein Meer. Dann habe ich einen Segelschein gemacht. Dann habe ich mir schnell überlegt, dass es eine coole Idee wäre, längere Zeit zu segeln. Dann habe ich erfahren, dass eine Gruppe von Schiffen in Argentinien vorbeikommt und die Welt segelt. Dann hab ich angeheuert. Unter Seglern sagt man Hand gegen Kuhje.
Martin Ferdiny [00:02:21]:
So hab
Stefanie Voss [00:02:21]:
ich das gemacht und bin von Argentinien aus nach Deutschland zurückgereist, aber hintenrum. Ich habe den Beweis angetreten, du kannst in die falsche Richtung losfahren und du kommst trotzdem irgendwann richtig an.
Birgit Fenderl [00:02:33]:
Okay. Der Großvater hat wahrscheinlich auch Dinge erzählt aus seinem Seglerleben. Aber vielleicht war zwischen dem, was man sich vorstellt, was eine Reise bedeutet, und der Realität manchmal doch ein bisschen eine Lücke. Eine sehr große Lücke. Wie war es dann wirklich?
Stefanie Voss [00:02:50]:
Also natürlich stellt man sich vor, das wird ein super cooles Event, sozusagen eine lange Reise. Die große Freiheit. Das war es nicht. Letztendlich ist man auf einem Segelschiff wahnsinnig unfrei, weil man sich mit Menschen, die man sich nicht ausgesucht hat, über sehr lange Zeit einsperrt. Wir kommen ja nicht runter vom Schiff.
Martin Ferdiny [00:03:12]:
Wie viele waren an Bord?
Stefanie Voss [00:03:14]:
Es kam auf die Etappe an. Es war ein 20 m langes Schiff, 66 Fuß. Wir waren zwischen 9 und 15 Personen, je nach Etappe, international besetzt. Ich hatte eine schottische Wachführerin. Es ist eine besondere Herausforderung, Menschen auf so engem Raum über so lange Zeit. 14 Monate, oder? Ja, 14 Monate.
Birgit Fenderl [00:03:35]:
Also mehr als ein Jahr.
Stefanie Voss [00:03:36]:
Genau. Und manche Etappen sind halt einfach lang. Also man segelt ja nicht so an Küsten entlang, sondern der Pazifik ist zum Beispiel sehr groß und man ist wirklich lange Zeit auf See. Und Ich würde heute sagen, ich habe schon sehr gelernt, mich selber ein Stück weit zu kontrollieren, mein Ego zu kontrollieren. Das Segeln ist herausfordernd, aber okay, die besondere Herausforderung ist das Zwischenmenschliche. Auf jeden Fall.
Martin Ferdiny [00:04:00]:
Da lernt man wirklich was fürs Leben, dass du in deinem jetzigen Berufsleben als Coaching quasi weiterverwenden konntest.
Stefanie Voss [00:04:09]:
Ich würde immer sagen, ich hab mir auf der Reise mein Ego rundgeschliffen. Nicht abgeschliffen im Sinne von, ich hab keins mehr. Aber Ich habe gelernt, dass es nicht so wahnsinnig schlau ist, wenn man immer recht haben möchte und darauf beharrt, das letzte Wort zu haben. Ich habe mit unterschiedlichen Menschen gelernt, klarzukommen. Das ist jetzt auch in meinem Job superwertvoll.
Birgit Fenderl [00:04:29]:
Aber wenn man wieder in der Normalität, das war eine Ausnahmesituation, diese Reise ankommt. Nimmt man da nicht wieder alte Gewohnheiten an, weil man muss sich auch nicht mehr so koordinieren wie der Mensch?
Stefanie Voss [00:04:40]:
Das stimmt und trotzdem war es glaube ich so prägend, dass ich danach schon sehr anders war. Also mir haben auch viele Leute aus meinem Umfeld bescheinigt, dass mir die Reise sehr gut getan hätte. Ich war schon jemand, der immer gerne mit dem Kopf durch jede Wand gegangen ist. Das habe ich mir auf der Reise auf jeden Fall abgewöhnt. Das kann ich heute schon so sagen. Das war sowohl für meine angestellte Karriere, die noch eine ganze Weile lief, als auch, jetzt bin ich schon 15 Jahre selbstständig, als auch jetzt ist es sehr hilfreich gewesen. Ich profitiere bis heute von den Erfahrungen.
Birgit Fenderl [00:05:10]:
Wir haben einen Regisseur gehört, der berichtet hat, wie er in der Welt unterwegs ist und wie mühsam das ist. Die Hygiene-Bedingungen und all das. Davon kannst du wahrscheinlich auch einbietsingen.
Stefanie Voss [00:05:20]:
Ja, also, man lernt, auf Luxus zu verzichten. Tatsächlich ist das aber gar nicht so schwierig. Wir hatten keine Duschen an Bord, keinen Kühlschrank, keine Selbststeuerung, keine rollenden Segel. Wir haben alles sehr viel Handarbeit gemacht. Man kann sich wunderbar mit Salzwascher duschen. Das geht. Wenn mal das Wetter wirklich schlecht ist, kann man auch mal 7 Tage die gleiche Unterwäsche tragen. Davon stirbt man nicht.
Stefanie Voss [00:05:48]:
Wenn es richtig kalt und unangenehm ist, möchte man sich aber nicht ausziehen. Das ist alles wirklich gut machbar. Und natürlich auf einem Schiff, man packt halt auch sehr reduziert. Ich hatte wenig Sachen mit, sehr gute Sachen. Meine Thermounterwäsche, die ich mir 1999 gekauft habe, die besitze ich heute noch.
Birgit Fenderl [00:06:06]:
Wichtiges Utensil.
Martin Ferdiny [00:06:08]:
Wie ist das, wenn man ins normale Leben zurückkommt? Geht das einfach, den Schalter umzulegen? Oder braucht man da ein bissel, bis man wieder festen Boden unter den
Stefanie Voss [00:06:18]:
Füßen hat? Also ich fand es nicht so schwer. Ich war eigentlich glücklich, dass ich dann wieder zurück war und auch wieder meine Familie, meine Freunde mich hatte. Ehrlicherweise genau, die Dusche auch. Ich war auch pleite nach der Reise. Also ich habe meine ganzen Ersparnisse in dem Jahr auf den Kopf gehauen. Ich war dann wieder angestellt, hab wieder gearbeitet. Mir ist es gut gelungen, wieder zurückzugehen.
Martin Ferdiny [00:06:40]:
Es ist
Birgit Fenderl [00:06:40]:
dir schon angedeutet, du hast viel daraus mitgenommen, dass du beruflich umgewandelt hast in ein Coaching. Du nennst es die Piratenstrategie. Jetzt sind Piraten ja nicht unbedingt positiv konnotierte Persönlichkeiten.
Martin Ferdiny [00:06:54]:
Spannend, aber eigentlich böse Wichte.
Stefanie Voss [00:06:56]:
Ich gucke auf die historischen Piraten und nicht auf das, was heute Piraterie genannt wird. Bei historischen Piraten ist es so, der Grund, warum so viele Menschen vor ein paar 100 Jahren in die Piraterie gegangen sind, hatte v.a. Damit zu tun, dass sie in Freiheit und Selbstbestimmung leben wollten. Deswegen sind sie als einfache Seefahrer zu den Piraten übergelaufen, weil da ein freiheitliches und selbstbestimmtes Leben möglich war. Piraten waren Demokraten. Es gab basisdemokratische Prinzipien, Fairness, Brüderlichkeit, Gehaltstransparenz. Viele Dinge, von denen wir heute reden, gab es schon bei Piraten. Bei mir geht es in meiner Arbeit und auch in meinem Buch sehr stark die Frage, was heißt das denn, Freiheit und Selbstbestimmung im eigenen Leben? Menschen wollen immer Dinge tun, dann machen sie es aber doch nicht.
Stefanie Voss [00:07:41]:
Die Frage, die ich mir gestellt habe, warum ist das so? Was können sie lernen oder wie kann man das verändern? Und ja, das, ich sag mal, das große Thema, was da rausgekommen ist, ist der Vagemut. Also, wenn ich weiß, was mir wichtig ist, dann gelingt es mir viel besser, so was wie Angst, Scham, Konventionen, auch mal Regeln zu überwinden. Und dann eben auch wirklich die Dinge zu tun.
Martin Ferdiny [00:08:02]:
Und einfach die Welt zum Segeln.
Stefanie Voss [00:08:04]:
Genau, einfach die Welt zum Segeln.
Birgit Fenderl [00:08:05]:
Vielleicht mach
Martin Ferdiny [00:08:05]:
ich das doch noch.
Birgit Fenderl [00:08:06]:
Machen wir das noch. Schauen wir mal. Eine tolle Geschichte auf jeden Fall. Danke fürs Vorbeischauen. Dankeschön.
Martin Ferdiny [00:08:11]:
Ja, bei uns geht’s weiter. Mit konkret.
Birgit Fenderl [00:08:13]:
Und uns gibt’s dann morgen wieder.
Martin Ferdiny [00:08:15]:
Schönen Abend. Wiederschauen. Auf Wiedersehen. Schönen Abend. Wiedersehen. Und bis bald.