Stefanie Voss zu Gast bei Annette Walz

Mit Selbstführung den Kurs halten – auch in stürmischen Zeiten.
Selbstführung als Schlüssel: Wie wir in einer unplanbaren Welt das Steuer übernehmen.
Wie können wir in Zeiten der Unsicherheit stabil bleiben und handlungsfähig bleiben? Im Interview mit Annette Walz spreche ich über Selbstführung, innere Stabilität und warum es sich lohnt, ein persönliches Logbuch zu führen.
Das erwartet dich in dieser Folge:
➔ Warum Selbstreflexion der erste Schritt zur Selbstführung ist
➔ Wie Du mit Unsicherheit umgehst und trotzdem handlungsfähig bleibst
➔ Welche Rolle Werte und bewusste Entscheidungen für deinen Erfolg spielen
Hier geht es direkt zum Interview:
Links zu Annette Walz:
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/annette-walz/
Podcast: https://www.duesseldorfcongress.de/der-event-podcast/
Transkript
Annette Weitz [00:00:09]:
Herzlich Willkommen bei Rhein persönlich, dem Event-Podcast von Düsseldorf Kongress. Ich bin Annette Weitz und freue mich sehr, dass du heute an Bord bist. In diesem Podcast geht es neue Impulse und praktische Tipps, wie du dich und deine Veranstaltung fit für die Zukunft machst. Was heißt das eigentlich in der jetzigen Zeit, sich fit für die Zukunft zu machen? Und wie geht es dir in deiner Veranstaltungspraxis unter den gegebenen Umständen? Immerhin ist unsere Branche eben auch deshalb so erfolgreich, weil hier echte Planungs- und Projektmanagementprofis unterwegs sind. Und da ist eben die Unplanbarkeit der Rahmenbedingungen eine wirkliche Herausforderung. Müssen wir uns zukünftig von dem perfekten Event mit abgearbeiteter Checkliste verabschieden? Und wie mache ich mich persönlich und beruflich wetterfest für diese Zeit? Wie behalte ich auch in unruhigen Zeiten das Ruder für mein Leben in der Hand? Diesen Fragen nachzugehen und wirklich Konkrete Tipps zu bekommen, habe ich heute eine erfahrene Weltumseglerin eingeladen. Stefanie Voss ist nicht nur eine veritable rheinische Frohnatur, die schon als Kinderkarnevalsprinzessin ihre Bühnenpräsenz trainierte, sie ist eben auch die Mrs. Blackbeard der Speaker- und Trainer-Szene. Mit Mitte 20 heuerte sie auf einem Segelschiff an, die Welt zu umrunden. Nach 15 Jahren klassischer Konzernkarriere machte Stefanie sich dann 2009 selbstständig und berät, coacht und inspiriert seitdem Menschen unter dem Motto, Es kommt nicht darauf an, wie der Wind weht, sondern wie du dein Segel setzt. Viel Spaß.
Herzlich willkommen, Stefanie. Ich freue mich, dass du da bist. Wie gehen wir mit dieser Zeit, die von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit geprägt ist? Sowohl privat als auch beruflich. Hast du da Tipps für uns?
Stefanie Voss [00:01:52]:
Ich habe auf jeden Fall Tipps und zwar so viele, dass wir mehrere Stunden Podcast füllen könnten ohne Probleme. Bist immer wieder herzlich eingeladen. Es gibt natürlich in der VUCA-Welt verschiedene Dinge, auf die wir achten können. Aber das erste und wichtigste ist, dass wir einfach mal akzeptieren, dass diese VUCA-Welt so ist, wie sie ist. Das ist natürlich als Segler vielleicht ein bisschen einfacher als für andere Menschen, weil der Segler, zumindest wenn er Blauwassersegler ist, also sich auch mal auf die Mitte eines Ozeans begibt, dann muss er sich ja quasi darauf einstellen, das zu nehmen, was kommt. Wenn der nächste Hafen zehn Tage, 15 Tage weit weg ist, Dann hilft es mir natürlich nicht zu sagen, ich will aber jetzt keinen Sturm, sondern dann kommt der Sturm und jedes Tiefdruckgebiet ist schneller als mein Schiff. Und als Segler, glaube ich, hat man eine größere Affinität dazu, erstmal mit den Rahmenbedingungen zu arbeiten, so wie sie sind.
Also das Erste ist raus aus diesem Jammertal. Früher war alles besser, früher war alles schöner. Das kann ich gut nachvollziehen, dass Menschen jammern und dass sie dem hinterhertrauern. Aber das frisst auch wahnsinnig wertvolle Energie, die wir brauchen, mit dieser unkalkulierbaren Welt umzugehen. Schritt 1 ist, it is, wie it is. Da ist der Rheinländer im Grunde genommen gut gewappnet. Das ist Schritt Nummer eins. Schritt Nummer zwei ist die spannende Frage, wir leben in einer unkalkulierbaren Welt.
Das können wir alle akzeptieren. Als ich das Thema VUCA aufgemacht habe vor ein paar Jahren, da wurde ich so ein bisschen belächelt. So schlimm ist es doch gar nicht. Was hat sie denn? Wir reden doch eigentlich von Change und VUCA ist ein bisschen übertrieben. Das haben heute alle respektiert, dass VUCA tatsächlich Realität ist. Das nächste ist, mich zu fragen, okay, wenn ich aber doch gerne Stabilität habe und suche und wir als Menschen natürlich auch, und als Deutsche ganz besonders, die Verlässlichkeit und die Stabilität lieben, wo kann ich die denn noch herholen? Aus den Rahmenbedingungen kommt sie definitiv nicht mehr. Aber was gibt es eigentlich noch für Quellen für Stabilität? Die gibt es. Und mich auf die Suche nach denen zu begeben und die zu pflegen, wenn ich sie gefunden habe, das ist unsere Aufgabe, mit der VUCA-Welt konstruktiv umzugehen.
Annette Weitz [00:03:59]:
Und sich dann auch ein Stück weit wetterfest zu machen.
Stefanie Voss [00:04:01]:
Genau, sich ein Stück weit wetterfest zu machen. Genau, sich ein Stück weit wetterfest zu machen. Genau suche ich diese Stabilitätsquellen. Ich verrate direkt, welche das sind. Wir Menschen sind Beziehungswesen, wir sind soziale Wesen. Wir erleben uns in der Interaktion mit anderen Menschen. Die Beziehungen sind immer noch beeinflussbar von uns selbst. Und die Beziehungen können ganz viel Stabilität liefern.
Und jetzt ist auch noch mal ganz spannend, es gibt nämlich zwei Aspekte zu diesen Beziehungen. Oder sagen wir mal, Der eine Aspekt wird wirklich gerne vernachlässigt. Es gibt meine Beziehung nach außen, zu anderen Menschen, zu meinen Kollegen, zu meinen privaten Kontakten, zu allen Menschen, mit denen ich tagtäglich zu tun habe. Aber es gibt eben auch die Ich-Beziehung. Und die vernachlässigen wir so ein bisschen. Und die Ich-Beziehung ist natürlich eine ganz, ganz, ganz große Quelle von Stabilität. Und ich würde sagen, es ist eine Quelle, wo noch unheimlich viel Potenzial drin steckt.
Annette Weitz [00:04:56]:
Also wenn ich das Außen nicht beeinflussen kann, wie Du gerade sagtest, das mit dem Sturm, dann ist es an mir sozusagen, das zu beeinflussen, was ich kann. In erster Linie bin ich das selber.
Stefanie Voss [00:05:05]:
Genau, ich bin das selber und das ist natürlich mein eigenes Verhalten, mein eigenes Handeln. Aber es ist natürlich vor allem die Frage, in wie gutem Kontakt bin ich zu mir, in wie gutem Austausch bin ich zu mir, Wie oft reflektiere ich über das, was in mir vorgeht, was mich beschäftigt, was mich ängstigt, was mich wütend macht, was mir Sorgen macht, was mir Freude macht? Wie oft stelle ich mir selber essentielle Fragen? Ich stelle sie nicht nur, sondern nehme tatsächlich auch die Zeit und die Ruhe und den Rückzugsraum, sie ernsthaft zu beantworten.
Annette Weitz [00:05:37]:
Ich glaube, viele von uns neigen ja dazu, in so volatilen Zeiten, also ganz wie im Außen, zu trommeln, zu machen. Der Hamster im Rad rast wieder los. Das kennen wir, glaube ich, alle. Und die Energie, die man da, ist verpufft in der Regel, die man da reinsteckt, dass man die eher zu sich lenkt. Wobei, das ist ein spannendes Thema, dem widmet man sich manchmal nicht so gern. Das ist nicht nur angenehm.
Stefanie Voss [00:05:56]:
Genau, innere Auseinandersetzung ist natürlich ein Konflikt. Es ist ja nicht schön, in den Spiegel zu gucken und mal an die Stellen zu gucken, die nicht so funktionieren. Ich glaube, der Aktionismus, also wenn wir merken, es gibt Schwierigkeiten, in so einen totalen Aktionismus zu verfallen, ist eine ganz natürliche Reaktion. Die finde ich auch per se erst mal nicht schlecht. Die verschwendete Energie ist eher so die in Wut und Ärger, Ärger. Da kämpfe ich mich mit Dingen ab, die ich nicht ändern kann. Aktionismus ist noch prima, aber Aktionismus ist auch eine Vermeidungsstrategie für die ehrliche innere Auseinandersetzung. Also für die Frage, was habe ich immer für gesetzt angenommen? Ich stelle gerade fest, spezifisch auf Corona, es ist eben doch nicht so gesetzt, wie ich immer dachte.
Wovon bin ich eigentlich selbstverständlich ausgegangen? Und jetzt fliegen mir meine ganzen Grundannahmen so ein bisschen die Ohren. Und was macht das mit mir? Was macht Angst mit mir? Was macht Sorge mit mir? Was passiert, wenn ich dünnhäutig werde? Das konnten wir im letzten Jahr hervorragend lernen. Corona war ein Selbsterfahrungskurs der Extraklasse, der echt wenig Spaß gemacht hat. Also kann ich auch für mich selber sprechen, bin ich überhaupt keine Ausnahme und auch als Coach nicht besser gewappnet als andere Menschen. Mich haben auch ganz viele Situationen massiv gefordert und auch an der einen oder anderen Stelle massiv überfordert. Ich habe aber eher als andere Menschen den Impuls, mich hinzusetzen und zu sagen, was ist da gerade mit mir passiert? Was hat mir mein Leben für interessante Lektionen erteilt? Damit habe ich mich intensiv auseinandergesetzt.
Annette Weitz [00:07:33]:
Auf der persönlichen Ebene ist das ein superguter Lifehack. Ich stell mir unsere Branche vor, den Eventplaner, die Eventplanerin, die am Ende des Tages darauf angewiesen sind, verlässliche Rahmendaten zu haben. Ich kann es nur für Düsseldorf Kongress sagen, uns wird bestimmt viele Kolleginnen und Kollegen genauso gehen, genau die fehlen. Wir haben in regelmäßigen Abständen oder zum Teil auch sehr engmaschig immer wieder neue Vorgaben und Richtlinien. Da wird man schon manchmal ein bisschen irre mit. Würdest du auch sagen, dass dieses sich auf sich selber verlassen können, wenn man eben im inneren Dialog ist, uns auch beruflich da gut weiterhelfen kann? Denn ich sag mal, diese Unplanbarkeit wird wahrscheinlich perspektivisch, ich hoffe, es wird besser, aber es wird uns wahrscheinlich ein Stück weit immer begleiten.
Stefanie Voss [00:08:16]:
Also ich bin sicher, es wird uns immer begleiten. Ich glaube, Verlässlichkeit ist wirklich eine Illusion. Und na ja, in der Eventbranche, so ein geflügeltes Wort ist ja so der perfekte Event. Alles ist perfekt.
Annette Weitz [00:08:27]:
Die Checkliste ist perfekt abgehakt. Alles ist perfekt.
Stefanie Voss [00:08:32]:
Und ich glaube, so schwierig das ist, aber dieses Bild müssen wir erst mal begraben. Weil letztendlich der Perfektionismus in einer unkalkulierbaren Welt einfach kein guter Maßstab mehr ist. Denn Er ist ja nur ein Zufallsprodukt. Das Zufallsprodukt von einer sehr guten Planung und den Rahmenbedingungen, die genau mitspielen. Das tun die nicht mehr. Den Perfektionismus ein Stück weit zu Grabe zu tragen, ist eine schwierige, Aber auch eine wichtige Aufgabe. Stattdessen die Agilität, die Flexibilität, die Improvisation, wieder ein Stück weit nach vorne zu holen. Die eigentlich nicht so gerne gemocht wird.
Welcher Eventplaner möchte gerne schnell – Sie können das alle, aber es ist immer der schlechte Plan B.
Wenn du es nicht perfekt gemacht hast, musst du improvisieren.
Annette Weitz [00:09:23]:
Das ist hoher Puls und die großen Schweißteller unter den Achsen, wo man sagt, jetzt läuft es ganz anders. Was uns die Zeit gelehrt hat, ich kann das nur persönlich sagen, dass Dinge nicht perfekt sind, fast so eine Menschlichkeit zum Vorschein gebracht hat. Ich war auch in Videocalls mit hochrangigen Wirtschaftslenkern, die dann aber auch auf der Suche nach WLAN durch ihre Wohnung gerannt sind im ersten Lockdown, weil sie zwei streamende Jugendliche unterm Dach hatten und es irgendwie keine Kapazität mehr gab, dass der Vater seine Videokonferenz durchführt. Ich fand das total sympathisch.
Stefanie Voss [00:09:55]:
Ja, also wer mit Improvisationen und mit schnellen Veränderungen gut umgehen kann, ist auf jeden Fall klar im Vorteil. Und letztendlich für jeden Eventplaner, für jede Eventplanerin ist natürlich erst mal die Frage, kann ich mich vom Perfektionismus auch ein Stück weit verabschieden? Und tiefer liegend, als Coach würde ich jetzt auch nochmal sagen, Perfektionismus ist ja auch so ein bisschen so ein Schutzschild. Man kann mich nicht kritisieren, wenn ich alles super perfekt mache. Und ich glaube, davon müssen wir einfach weg. Wir müssen mehr hin zur Improvisation, mehr hin zu den, ich sag mal, zu dem Umarmen von Pleiten, Pech und Pannen, beziehungsweise Von der Verabschiedung von dem einen perfekten Plan, für Veranstaltungen ist klar, ganz viel wird mittlerweile dual geplant. Für den Fall, dass live geht, machen wir live. Für den Fall, dass es nicht geht, machen wir digital. Vielleicht gibt es auch noch eine Mischform, Hybrid.
Ich glaube, Hybrid ist das, was uns ganz lange begleiten wird und was in verschiedenen Varianten und Formen und Möglichkeiten sich entwickeln wird. Und da steckt ja auch Innovationspotenzial drin. Also Hybrid geht ja, das wissen wir heute auch, viel, viel mehr, als wir vielleicht noch im Januar 2020 gedacht haben. Und das zu, ja, ich sag einfach mal, umarmen, auch zu sagen, da stecken ja auch Chancen drin, da stecken ja auch Möglichkeiten drin. Das ist auf jeden Fall etwas, was diese Branche braucht. Und damit das gelingen kann, muss ich mich erst mal von dem Alten ein Stück weit verabschieden. Da darf ich auch drum trauern. Da kann ich auch, ich sag wirklich mal so, Konzepte zu Grabe tragen und sagen, das haben wir gemacht.
Das war 2019 super. Das war auch toll.
Das war auch total schön. Und es wird wahrscheinlich so nicht wiederkommen. Und es ist ja auch noch mal eine Anerkennung und auch vielleicht eine Demut an die Vergangenheit. Haben wir es eigentlich so genossen, wie wir es genossen hätten, wenn wir gewusst hätten, dass es anders geht. Das ist etwas, was Corona uns gezeigt hat. Wir werden ein Stück weit demütiger und dankbarer für das, was eben dann doch geht.
Annette Weitz [00:11:57]:
Demut, Dankbarkeit, das stimmt. Man schätzt es jetzt mehr. Es wäre schön, wenn wir das in das Jetzt mitnehmen. Dass wir sagen, jetzt ist es neu, aber auch das kann wertvoll sein. Du hast gerade hybride Veranstaltungen oder im digitalen Raum. Da kommen verschiedene Sachen zusammen. Wir spüren das Bedürfnis bei Teilnehmern nach mehr Interaktion. Das sind Faktoren, die es früher so nicht gab.
Es gab die Frontalbeschallung, einer spricht, der Rest hört oder schläft. So viele Alternativen gab es da nicht. Neue Formate eröffnen den Raum dafür, auch Teilnehmer mitzunehmen und einzubinden. Auch erst mal wieder das Grauen für den Planer, weil da Dinge kommen können, die nicht vorhersehbar sind. Andererseits gibt es eine Lebendigkeit und den Inhalten auch was Authentisches, die wir vorher uns gar nicht
Stefanie Voss [00:12:42]:
vorstellen konnten. Das erleben wir auch hier so. Auf jeden Fall, da entwickelt sich eine ganze Menge. Da ist viel Musik drin. Ich lerne tagtäglich dazu, was alles digital noch möglich ist. Auch die Tatsache, dass Menschen in ihrer privaten Umgebung sitzen, wie man das positiv nutzen kann. Aber auch die große Aufgabe, Wie kann ich dieses informelle Kommunikationsgeschehen, was auf einer Messe, auf einer Veranstaltung, auf einem Kongress, auf einer Tagung stattfindet, in den digitalen Raum übertragen? Das fühlt sich sicher noch artifiziell an. Wir müssen das formalisieren.
Wir müssen den Menschen explizite Räume geben, sich persönlich auszutauschen. Weil es eben den Kaffeetisch oder die Kaffeeecke oder die Waschbecken im Toilettenbereich, wo zehn Leute stehen, die gibt es nicht mehr. Also muss ich andere Räume dafür schaffen, muss andere Möglichkeiten dafür schaffen. Und, das finde ich für uns als Speaker auch interessant, diese klassische Frontalbeschalung ohne Interaktion. Dafür brauche ich überhaupt kein Live-Format mehr. Dafür gibt es Video.
Annette Weitz [00:13:44]:
Das höre ich mir dann an, wann auch immer es mir passt.
Stefanie Voss [00:13:48]:
Genau. Alles das, was eine 1-zu-n-Kommunikation ist, also eine Person spricht tausende, andere hören zu. Dafür brauche ich keine synchrone Teilnahme mehr. Das kann ich alles asynchron machen. Synchron muss Interaktion stattfinden. Das finde ich auch wieder was, was ich dem Ganzen als positiv abgewinne, dass wir das Publikum viel mehr einbinden, viel mehr engagieren müssen, die Leute bei der Stange zu halten. Weil eben so ein Bildschirm, den wir vor uns haben, wo wir einen digitalen Event verfolgen, der konkurriert mit Netflix, mit Kino. Mit meinem WhatsApp,
Annette Weitz [00:14:20]:
was auch immer, was gerade da Pling macht bei mir. Da bin ich natürlich viel schneller raus aus der Konzentration als in einem Live-Moment.
Stefanie Voss [00:14:26]:
Ja, genau. Also ich finde, es sind auch ganz, ganz viele Chancen drin, aber wichtig ist, diesen Prozess schon durchzustehen und zu sagen, okay, also 2019 war schön, war super, war für mich auch zum Beispiel geschäftlich das erfolgreichste Jahr, was ich seit Beginn meiner Selbstständigkeit hatte. Ja, und 2020 hat sich alles geändert und so ist es und es wird auch so nicht wiederkommen. Und jetzt kann ich mir überlegen, okay, jetzt bin ich in neuen Rahmenbedingungen und wie passe ich mich jetzt diesen Rahmenbedingungen an, beziehungsweise wie kann ich bei mir selbst Innovation, Veränderung leben und umsetzen, eben in diesen neuen Rahmenbedingungen auch wieder Modelle zu schaffen, die mich finanziell weitertragen. Die mir aber auch Spaß und Freude machen. Die gibt’s ja auch.
Annette Weitz [00:15:09]:
Du hast dieses schöne Bild aus diesem Lead-on-my-ship-Thema. Du solltest schon schauen, dass du das Ruder deines Lebens selbst in der Hand hast. Das ist wichtig, in dieses Bewusstsein zu kommen. Das hat was mit Eigenverantwortung zu tun, aber auch was mit Freiheit, für sich Dinge entscheiden zu können. Auch in der Situation, wo man sagt, es wird alles von außen, dass immer alles nur von außen kommt. Dass man es selbst in der Hand hat.
Stefanie Voss [00:15:35]:
Selbst in die Hand nehmen heißt, ich gebe ein Beispiel aus Beginn der Pandemie. Wie so vielen anderen in dieser Branche ist mir im März 2020 mein ganzes Business zusammengebrochen. In 14 Tagen hatte ich ein halbes Jahr Umsatz, war abgesagt. Dann saß ich erst mal da und dachte, auf gut Deutsch, scheiße. Fühlt sich nicht gut an. Jetzt habe ich immer schon meine Selbstständigkeit mit einer großen Sicherheitsmatte aufgebaut. Mir war immer klar als Einzelselbstständige, ich brauche Rücklagen, ich brauche eine vernünftige Finanzierung meiner Arbeit, sodass ich auch mal ein paar Monate ausfallen kann. Krankheit und so weiter kann ja immer kommen.
Aber ganz klar war natürlich auch, okay, mein Geschäftsmodell grundsätzlich ist extrem in Frage gestellt, wenn mein Geschäftsmodell so sehr auf Präsenzveranstaltungen beruht. War ja relativ schnell klar, in der Art und Weise wird das auf gar keinen Fall so schnell wiederkommen. Und dann habe ich mir einen Plan B überlegt und habe gesagt, okay, also Ich liebe das, was ich mache, ich würde das gerne weitermachen. Aber nur mal angenommen, das ganze Thema Präsenzveranstaltung wird auf mehrere Jahre hinweg nicht möglich sein. Was wäre denn eigentlich mein Plan B? Ich bin ziemlich schnell zu einer Lösung gekommen. Ich hab in meinem Leben immer schon davon geträumt, mehr handwerklich zu tun. Und hab dann überlegt und gemacht und getan, hab gesagt, okay, wenn das alles nicht funktioniert, ich gebe mir jetzt mehrere Monate Zeit, aber wenn es nicht funktioniert, dann sattel ich noch mal komplett Ich bin Mitte 40, ich hab noch 20 Jahre, vielleicht auch ein bisschen mehr zu arbeiten, dann mach ich eine Schreinerlehre. Dann bin ich Schreiner.
Weil dann ist es eben so. Dann kann ich natürlich sagen, ach nee, und das ist aber… Aber 20 Jahre Schreiner sein ist sicherlich auch nicht verkehrt. Und in dem Moment, wo ich diesen Plan B für mich getroffen habe, wo ich mal nachgeguckt habe, gibt es Ausbildungsplätze, mir war relativ schnell klar, ich kriege überall einen Ausbildungsplatz, auch mit Mitte 40. Ich bin nicht doof, ich kann nicht nur wahrscheinlich handwerkliche Dinge lernen, sondern ich kann auch verkaufen. Damit bin ich schon mal ganz, ganz weit vorne.
Annette Weitz [00:17:25]:
Traumkombination.
Stefanie Voss [00:17:27]:
Ja, und als ich den Plan B in der Tasche hatte, ging es mir mit dem Plan A wieder besser, weil ich gesagt habe, ich habe zumindest schon mal die Fallback-Option. Natürlich, mein Mann, als ich ihm das erzählt habe, du wirst noch nicht schreien. Der fand das völlig absurd, aber er sagte, wenn es dich beruhigt, dann ist es doch gut. Genau das hat es getan. Es hat mir eine Möglichkeit gegeben, wenn das nicht funktioniert, habe ich einen zweiten Weg im Auge. Damit konnte ich viel gelassener an dem Umbau meiner eigentlichen Selbstständigkeit arbeiten. Jetzt war ich digital nicht ganz unbeleckt. Ich mache seit 2015 Videos, ich habe ein Video-Studio.
Ich war schon gut vorbereitet auf das ganze hybride Modell. Aber klar, musste ich mich auch in verschiedenen Dingen erst mal einfinden und überlegen, wie kann ich Interaktionen gestalten? Wie kann ich sie so gestalten, dass sie gut funktioniert? Wie macht’s mir auch Spaß? Ich möchte auch Spaß bei der Arbeit haben. Den Dingen hab ich mich gewidmet. 2020 war zwar insgesamt ein katastrophales Jahr, aber zum Ende des Jahres hin hab ich das Gefühl gehabt, Es kommt wieder Wind ins Segel.
Du kannst dieses Business so weiterführen. Du musst ein paar Dinge verändern, auch strukturell. Du musst deine Sicherheitsrücklagen erhöhen. War auch ein ganz klares Ziel. Ich hab auch ganz souverän erst mal Beginn 2021 meine Preise erhöht. Ich brauche einfach mehr Rücklagen. Ich muss dieses Business finanziell auch nochmal anders betreiben. Ja, und so bin ich ganz gut ins Jahr 21 gestartet.
Aber das sind alles Reflexionsaufgaben.
Ich habe Seiten voll geschrieben mit meinen Gedanken. Und da kommen wir dann zum Thema Selbstführung. Und das ist etwas, wofür ich jahrelang immer wieder belächelt wurde. Ja, Selbstführung, ist ja ganz nett, aber Tagebuch schreiben ist was für Mädchen, die zwölf Jahre alt sind und so. Und das ist Quatsch. Ja. Also große Köpfe und Menschen, die sich mit ihren eigenen Gedanken intensiv auseinandersetzen, die schreiben die auf. Und das ist das, was ich immer wieder gepredigt habe, was ich immer wieder und überall in meinen Führungskräfte-Entwicklungsprogramm sage.
Leute, fangt bitte, bitte, bitte endlich an, euch eure Gedanken zu notieren.
Annette Weitz [00:19:36]:
Wäre das so für dich der erste Schritt, der Schlüssel, ich weiß es nicht, zum Thema Selbstführung, dass wir so ein paar Tipps vielleicht mal mitgeben, wie, also Selbstführung, dass das Sinn macht. Ich glaube, da gibt es jetzt wahrscheinlich nicht so viele unterschiedliche Meinungen. Aber, ja, ich sag mal ganz blöd, wie fange ich denn jetzt an? Was gehört denn dazu?
Gibt es da ein Kochrezept, eine Bauanleitung, wenn wir beim Schreiner bleiben? Wie machen wir das?
Stefanie Voss [00:19:57]:
Ja, also Selbstführung heißt ja nichts anderes, mit mir selber in gutem Kontakt sein. Und Selbstführung ist, das mal direkt abzugrenzen, ist jetzt nicht, ich tu was für mich. Ich geh dreimal die Woche joggen. Das ist Selbstfürsorge, super wichtig, sehr gut, aber ist noch nicht Selbstführung. Wenn mir jemand sagt, beim Joggen kann ich über mich nachdenken, dann sag ich, das ist total gut. Aber du hältst die Gedanken nicht fest. Wir Menschen sind sehr schnelle Denker. Das Verschriftlichen ist der Schritt, der eine gedankliche Auseinandersetzung zur Selbstführung macht.
Wenn ich mir aufschreibe, was ich in einer Situation denke, sodass ich im Nachgang zu diesen Gedanken zurückkehren kann. Dann sagen viele Leute, da erinnere ich mich dran. Bei den vielen Gedanken wahrscheinlich nicht. Unsere Erinnerung ist bei den allermeisten Menschen schlecht. Wenn ich alleine schon auf die Texte gucke, die ich vor 1, 5 Jahren geschrieben habe, was ich mir im März und April 2020 runtergeschrieben habe, es erschreckt mich fast schon, wenn ich das lese. Aber es zeigt mir, in was für einer intensiven Situation ich mich befunden habe.
Und das kann ich nur erreichen, diese Form der Reflexion und auch des Rückblicks auf solche Momente, wenn ich sie mir notiere.
Annette Weitz [00:21:11]:
Okay, das heißt, du kannst dir dann, weil du gerade die Situation angesprochen hast, das war wahrscheinlich zu Beginn der ersten Lockdown-Welle, dass du jetzt, wenn du darauf zurückblickst, auch dir eine Wertschätzung geben kannst. Schau dir an, was du dir für Sorgen, für Gedanken gemacht hast und wie du damit umgegangen bist. Das ist ja auch eine Wertschätzung seiner selbst und dessen, was man in der Zwischenzeit überwunden hat. Das kann ich mir gut vorstellen. Du machst das wirklich handschriftlich?
Stefanie Voss [00:21:35]:
Ich bin ein großer Fan von Papier und Bleistift. Ich rate allen Leuten, es handschriftlich zu machen. Viele sagen, Papier ist tot, es lebe das digitale Schreiben. Am handschriftlichen Schreiben ist der Vorteil, es ist so schön langsam Und es entschleunigt uns. Ich mag es, meine eigene Handschrift zu sehen. An der Art und Weise, wie ich etwas aufgeschrieben habe, sehe ich noch mehr zu meiner Verfassung in dem Moment.
Annette Weitz [00:22:02]:
In welchem Zustand du war es.
Stefanie Voss [00:22:02]:
Genau. Wie fängt man an? Bitte bloß nicht mit riesengroßen Vorsätzen, also ich kaufe mir jetzt ein ledernes Tagebuch und einen schönen Füller.
Annette Weitz [00:22:09]:
Und dann Handlettering, ne?
Stefanie Voss [00:22:10]:
Ja, also das ist totaler Quatsch. Ich sage immer, zwei Zettel Papier, Bleistift und los geht’s. Und Es darf auch Schmierpapier sein. Also niedrigschwellig, einfach anfangen. Ich bin ein großer Fan von Listen. Das ist die Eventbranche. Fangen wir mal an mit Listen. Der Klassiker, dafür brauche ich zehn Minuten, sind drei Listen.
Stefanie Voss [00:22:32]:
Erste Liste, was ist gerade alles gut in meinem Leben? Zweite Liste, was ist gerade alles Kacke in meinem Leben? Dritte Liste, worauf fokussiere ich jetzt meine Energie? Das ist eine ganz einfache Übung, ich nenne die Boxenstopp. Man braucht zehn Minuten, 15 Minuten mehr braucht man nicht. Die Reihenfolge ist wichtig. Erst mit den guten Sachen anfangen, dann mit den nicht guten. Als Drittes, wenn ich die ersten beiden Listen geschrieben habe, worauf fokussiere ich mich jetzt? Das alleine zu machen, ist eine Riesenübung der Selbstreflexion. Ich brauche drei Schmierzettel, einen Bleistift.
Annette Weitz [00:23:04]:
Aber ich habe mich damit sortiert. Es ist ein Prozess der Klärung. Ich nenne das zu Hause, wie wir sagen, den Elefanten zerlegen. Es gibt Dinge, wo man sagt, der sitzt einem auf der Brust. Ich kann kaum noch Luft holen, weil er extrem groß ist. Wie kriege ich den klein? Damit werden Gedankenkarussells angehalten und zerlegt. Die dritte Liste ist mein Plan. Wie gehe ich damit
Stefanie Voss [00:23:30]:
Ganz einfach, niedrig, niedrig, niedrigschwellig. Wenn mich Sachen nerven, wie gesagt, Listen sind super. Listen sind wirklich großartig. Und auch immer so diese Vergleichsliste, Vorteile, Nachteile. Das kann ich übrigens auch in Bezug auf Personen, mich nervt, irgendein Kollege, irgendein Kunde, vielleicht auch meine Partnerin oder mein Partner, kann ich mir auch mal eine Liste machen. Was finde ich an meinem Partner oder meiner Partnerin alles doof? Warum bin ich trotzdem mit dieser Person zusammen? Das ist die zweite Liste. Interessant wird jetzt wieder die dritte Liste. Worauf fokussiere ich meine Energie? Es einfach mal so zu zerlegen.
Wenn ich es aufschreibe und es vor mir liegen habe, dann habe ich einen weiteren Kanal, meinen visuellen Kanal. Nicht nur die Gedanken, sondern ich habe es schriftlich vor mir. Ich kann es mir angucken, unterstreichen, Fragezeichen dran machen. Ich bin ein riesengroßer Freund von Listen. Ich glaube, dass die Leute in der Eventbranche, die sowieso gerne mit Listen arbeiten, dass das eine ganz einfache Einstiegsmöglichkeit ist. Bitte, bitte, bitte, nicht jeden Tag, noch nicht zweimal die Woche. Selbstreflexion kann ich anfangen, wenn ich mir einfach sage, zweimal im Monat nehme ich mir jetzt mal diese 10, 15 Minuten. Und damit bin ich schon ganz weit vorne.
Wir nehmen uns ja viel zu viel vor. Und dann kaufen wir uns für 35 Euro das lederneingebundene Buch. Dann schreiben wir das erste Mal was rein. Dann ist das nicht schön geschrieben. Dann reißen wir die Seiten wieder rein. Hast du alles schon erlebt. Ich hab Zettelsammlungen und auch lederneingebundene Tagebücher. Aber ich arbeite ganz viel auf Schmierpapier.
Ich bewahre allerdings die Sachen fast alle auf. Es gibt Sachen, die ich mal weggeschmissen habe. Aber das ist sehr belanglos. Alles, was mich betroffen hat, berührt hat, wird immer aufbewahrt. Das Zurückkehren dazu ist der nächste Schritt. Zu sehen, an was für einem Punkt war ich zu dem Zeitpunkt. Wie hat sich das angefühlt? Das ist bestärkend. Jetzt zu sehen, ich bin da durchgegangen.
Annette Weitz [00:25:35]:
Diese Punkte, die du beschrieben hast, verbinden sich immer erst in der Retrospektive zu einer Linie. Das finde ich das Interessante. Da habe ich mal einen Vortrag von Steve Jobs gehört.
Da hat er recht gehabt. Wenn du sagst, du schreibst das auf, das ist ja auch ein Stück weit, zumindest die dritte Liste, eine Zielformulierung. Denn ich glaube, das eine ist ein bisschen so kompassig, ich orientiere mich, und dann ist ja die Frage, wo will ich dann hin mit meinem Kurs, also welchen Kurs wähle ich für mein Lebensschiff sozusagen. Das ist dann auch die Orientierung, die du dir damit gibst?
Stefanie Voss [00:26:06]:
Genau, das ist die Orientierung. Das muss nicht immer so zielorientiert sein, also im Sinne von, ich mache jetzt. Da kann auch drauf stehen, wo fokussiere ich meine Energie. Da steht bei mir häufig schon mal, Füße stillhalten, durchatmen. Ruhig brauner. Genau. Wenn du dir anguckst, was ist gut, was ist Mist, ist alles halb so wild, ist alles nicht lebensdramatisch. Jetzt mach erst mal Piano. Oder auch wenn es ein konkretes Kundenprojekt geht, wo ich mich über irgendwas ärgere, Was läuft gerade gut in dem Projekt? Was läuft nicht gut in dem Projekt? Schlaf mal zwei Nächte drüber, bevor du eine Überschussreaktion raushaust.
Aber immer wieder dieses Auseinandersortieren der Gedanken, hilft, viel gezielter, gelassener und souveräner an die Dinge ranzugehen. Deswegen ist es dieser wichtige Schritt, den ich nur durch Nachdenken nicht erreiche. Nachdenken unter der Dusche ist super, beim Joggen ist super, beim Autofahren ist super. Ohne Verschriftlichung ist es noch keine valide Selbstführung.
Annette Weitz [00:27:03]:
Es ist noch nicht wirklich nachhaltig. Das ist schon mal ein super Tipp, wie man sich da mit sehr geringem Einsatz Blatt, Papier und Bleistift schon mal ein Stück weit in die Führung bringt. Gibt es da noch was, wo du sagst, das könnte man zusätzlich tun. Das würdest du uns als Tipp mitgeben, weil ich glaube, viele sind gerade in so einer, ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, manchmal fast in so einer Art Erstarrung. Jetzt geht es wieder los, das ist total toll, wir freuen uns mega. Aber es ist fast so, womit fange ich jetzt an, Wohin mit mir?
Stefanie Voss [00:27:31]:
Also ein sehr wichtiger Aspekt der Selbstführung, der ist allerdings jetzt nicht in 15 Minuten zu erledigen, sondern das ist wirklich ein dicker Brocken Arbeit, ist natürlich noch mal die Frage nach dem eigenen Wertegerüst. Solange ich meine eigenen Grundwerte nicht wirklich kenne und auch nicht präsent habe, ist es natürlich ziemlich schwer, mich auch selber souverän zu steuern. Also eine Wertearbeit ist aufwendiger. Dafür würde ich mir sogar mal ein persönliches Coaching gönnen. Oder mir mal klarzumachen, Was ist im Leben das, was für mich zählt? Wenn ich in schwierigen Situationen bin, wenn ich merke, komisches Gefühl im Bauch, irgendwie Sorgen vor irgendetwas, kann ich immer wieder hingehen und sagen, wenn meine Grundwerte jetzt 1., 2., 3. Sind, Und ich bin in der Situation, in der ich jetzt bin. Was ist denn dann von den verschiedenen Optionen, die ich habe, die, die meinen Werten am ehesten entspricht? Und das ist jetzt kein Riesending mit einer ausformulierten dreiseitigen Werte-Hierarchie. Bei mir ist das so, ich habe mich sehr ausführlich mit Werten beschäftigt.
Ich habe drei Grundwerte, das ist Neugierde, Leistung und Verbundenheit. Das sind die drei Dinge, die mich in meinem Leben irgendwo steuern und denen ich mich verpflichtet fühle. Jetzt bin ich in irgendeiner Situation und es läuft gerade nicht so, wie es soll. Und ich fühle mich auch nicht gut, ich gehe durch eine schwierige emotionale Phase. Dann lege ich die Optionen hin und sage, okay, du könntest das, du könntest das, du könntest das, du könntest das. Aber wenn ich jetzt mal überlege, dass ich neugierig bin, dass mir Leistung wichtig ist und dass ich nach Verbundenheit strebe, Welche von den Optionen kommt denn dann wirklich in Frage? Also Werte sind Leitplanken, die uns bei der Vielzahl der Möglichkeiten, die wir ja sehr häufig haben, helfen, die nicht so günstigen Möglichkeiten relativ schnell wegzusortieren. Also z.B. Ich bin in irgendeinem Konflikt mit irgendwem, wenn mir jetzt Verbundenheit wichtig ist, dann ist natürlich Feuer zu zirnen in dem Konflikt und den Konflikt noch weiter hochkochen zu lassen und dem anderen mal so richtig zu saufen, was er so findet. Das ist natürlich nicht günstig. Auch wenn mein Impuls vielleicht sagt, dem würde ich echt gerne mal so richtig eine reinwirken. Aber wenn Verbundenheit mein Grundwert ist, dann ist das einfach nicht etwas, worauf ich nachher stolz sein werde. Also kann ich mit einem soliden Wertegerüst Ganz viel an ungünstigen Optionen, die aber aus dem Impuls heraus sich häufig sehr natürlich anfühlen, kann ich aussortieren. Aber eine Wertearbeit ist natürlich, sagen wir mal, das ist schon eine tiefe Arbeit an Selbstführung und Selbstreflektion. Die mache ich eben nicht in 10, 15 Minuten. Aber vielleicht mal anfangen, mir mal Werte aufschreiben, die mir wichtig sind.
Jeder sagt, ja, wir haben hier ganz hohe Werte und Unternehmenswerte. Welcher Mensch kennt seine eigenen drei Grundwerte? Das sind wenige. Und dann kommen so, ja, also Ehrlichkeit und Liebe und Ehrlichkeit zum Beispiel, finde ich immer wieder schön, habe ich ständig im Coaching. Wer von uns ist denn wirklich ehrlich? Und das immer? Oh Gott. Und zu anderen Menschen, also ich nicht, zu mir selber.
Annette Weitz [00:30:28]:
Zu mir selber, oh Gott.
Stefanie Voss [00:30:29]:
Ich auch nicht, nicht immer. Ja, Das ist so schön daher gesagt. Aber sich damit mal richtig tief auseinanderzusetzen und hinzugehen und zu sagen, so, und richtig pragmatisch, ich will hier nicht 25 Sätze, ich will am Ende drei Begriffe haben. Und die kann ich mir immer wieder hinlegen und sagen, Das ist jetzt meine Situation, das und das und das sind meine Leitplanken. Welche Optionen fallen auf jeden Fall schon mal weg? Und dann weitergehen.
Annette Weitz [00:30:51]:
Das ist wahrscheinlich ein Prozess, den zu extrahieren. Ich würde jetzt auch spontan sagen, da fallen einem bestimmt ganz viele tolle Begriffe ein, die auch irgendwie gut klingen. Und wo man auch sagt, Mensch, Dafür stehe ich. Ich glaube, da muss man ein bisschen tiefer schürfen, was am Ende des Tages übrig bleibt. Ich finde aber diese Technik total wertvoll. Oft wird gerade in Ratgebern zum Thema Persönlichkeitsentwicklung gesagt, Mensch, hör auf deine Intuition, auf dein Bauchgefühl. Finde ich im Prinzip super, das klappt mal besser und mal schlechter. Aber es gibt Situationen, da spielt der Verstand rein, die Emotion rein, wie du gesagt hast, dem hau ich eine rein.
Dann sagt der Kopf, da musst du vorsichtig sein. Dann gibt es noch die dritte Instanz. Wenn die anderen beiden Instanzen, also Emotion und Ratio, richtig im Gemüse miteinander sind, dann meldet die sich nicht. Dann ist das eine tolle Sache, wenn man diese drei Werte gefunden hat. Das ist arbeitklar. Ich finde immer schön, wenn man was im Werkzeugköfferchen
hat. Dann kann man das hernehmen und sagen, wir gucken entspannt drauf. Sowohl der Verstand als auch die Emotion. Wir bleiben alle ruhig und gehen diese drei Werte durch. Wir machen das, was du beschrieben hast. Das gefällt mir.
Stefanie Voss [00:31:59]:
Ist sicherlich aufwendiger, aber ist eine gute Methode. Der Vorschritt davor, der mich zu einer Wertediskussion oder zu einer inneren Werte-Auseinandersetzung hinführt, ist immer wieder eine Frage, wenn mir irgendwas nicht passt. Wenn ich eine schwierige Emotion verspüre, alles von Sorge, Angst, Wut, Ärger. Was will mir mein Gefühl gerade erzählen? Diese Gedanke, Emotionen sind nicht einfach Emotionen, sondern Emotionen sind Informationen. Jedes Mal, Wenn ich eine Form von Emotion, von starker Emotion spüre, dann erzählt die mir was über mich. Wenn ich in einer Situation bin, und diese Situation macht mich wütend, dann sagt mir das irgendwas über mich selber aus. Dann sagt mir das, da ist gerade etwas, was mit deinem Wertegerüst korreliert.
Da verhält sich jemand so, wie du dich nie verhalten würdest. Da passiert etwas, was du vielleicht unfair findest. Und dem auf die Spur zu gehen und zu sagen, aha, was für eine Geschichte erzählt mir gerade meine emotionale Reaktion über mich? Oder übertragen formuliert, was will das Universum mir gerade beibringen?
Annette Weitz [00:33:06]:
Das finde ich immer spannend. Ich habe das schon häufig erlebt, dass es bestimmte Themen gibt, die immer wiederkehrend sind. Ich bin dann irgendwann draufgekommen, dass ich dachte, irgendwas wird es zu bedeuten haben. Wenn du diese Übung nicht irgendwann mal fertigbringst und das Thema löst, dann kriegst du das wieder serviert.
Stefanie Voss [00:33:23]:
Und wieder und wieder. Wenn ich anfange, mich zu fragen, warum triggert ein Kollege oder eine Kollegin bei mir immer wieder, dass ich in der Besprechung hochgehe. Warum ärgere ich mich immer wieder über Dinge, die regelmäßig passieren? Dann kann ich mich einfach mal fragen, was ist der Trigger, was wird da bei mir ausgelöst? Was erzählt mir dieses, dass das passiert, über mich selbst? Das ist auch eine Form von Selbstreflektion, weil ich da über mich selber Dinge lerne.
Ich lerne darüber, was ist mir wichtig, wie schätze ich Fairness ein. Welchen Menschen gegenüber bin ich respektvoll? Wie fühlt sich das für mich an, wenn ich nicht respektvoll behandelt werde? Kann ich damit gut umgehen, kann ich damit nicht gut umgehen. Alle diese Emotionen, die uns tagtäglich und ständig passieren, die wir ja selber erzeugen, aber wir fühlen uns ja nicht als aktive Erzeuger.
Annette Weitz [00:34:12]:
Das sind ja quasi Opfer unserer Emotionen, wir kommen ja gar nicht dagegen an.
Stefanie Voss [00:34:15]:
Opfer bzw. Emotionen sind eine spannende Information. Und Emotionen gehören nicht ans Steuerrad. Ganz wichtig. Emotionen sind Informationen. Aber meine Emotionen sollten niemals das Steuer meines Lebens in die Hand nehmen. Das gehört mir.
Je mehr ich reflektiere, desto mehr komme ich in diesen minimalen kleinen Zwischenraum zwischen dem Trigger und meiner Reaktion.
Und das ist dann deine Entscheidung? Das ist dann meine Entscheidung. Und je automatisierter dieser Prozess abläuft, desto weniger bin ich am Steuer. Je automatisierter irgendwas passiert und ich haue die sofortige Reaktion raus, desto weniger habe ich eine aktive Selbstführung. Je mehr ich in diesen Moment der Reflexion komme, aha, das ist passiert, ich könnte jetzt erstens, zweitens, drittens, ich entscheide mich bewusst für drittens, da bin ich am Steuer. Da ist die Emotion, ist die Information, die ich bewerte und aus der ich dann eine Entscheidung treffe.
Durch das Bewerten bist du dann aber wieder Kapität sozusagen. Bin ich wieder Kapitän.
Annette Weitz [00:35:08]:
Total spannend. So viele gute Tipps und Tricks. Ja, ich denke, dass das wirklich, wie du eingangs gesagt hast, so der Schlüssel sein wird, wie wir unser Leben gestalten, unsere Zukunft gestalten und das hier und jetzt auch genießen.
Stefanie Voss [00:35:19]:
Und vielleicht noch ein Satz, wir haben ja angefangen mit dem Segeln. Das Spannende bei Seglern ist ja, dass Segler Logbuch führen. Segler schreiben sich ja auf, wie sie die Segel gesetzt haben, welche Windstärke und Wetterverhältnisse sie herrschten. Segler verlassen sich nicht auf ihr Gedächtnis, sondern sie schreiben auf, was sie in der Situation gemacht haben. Und gute Segler haben ihre früheren Logbücher immer dabei, damit sie immer wieder reingucken können. Wie hab ich das gemacht? Wie hab ich das gemacht? Was hab ich bei dem Segel gemacht? Was hab ich da für ein Speed gekriegt? Wie hat das funktioniert? Gute Segler sind gute Dokumentierer dessen, was sie alles schon gemacht haben. Und vielleicht aus der Segelmetaphe heraus kann man die Menschen mehr begeistern für dieses Thema Selbstreflexion aufschreiben.
Weil es eben sehr häufig so in dieser kleines Mädchentagebuch mit Vorhängeschlösschen-Ecke landet.
Annette Weitz [00:36:19]:
Mit den Glitzerbildchen, die wir früher immer hatten.
Stefanie Voss [00:36:22]:
Genau, da will ich es rausholen. Ich finde, es ist was für jeden Menschen in jeder Branche. Aber wie gesagt, in der Eventbranche, wo wirklich ein sehr radikaler Umbruch vor sich geht, ist die bewusste Reflexion als Einzelperson durchaus auch in Gruppen und Teams. Wobei ich mir dafür professionelle Hilfe holen würde, also Teamcoach holen. Aber sich noch mal als Organisation, als Unternehmen, als Netzwerk zu fragen, wer sind wir und wer wollen wir sein in dieser VUCA-Welt? Das sind wichtige Fragen, die gehören auf den Tisch.
Annette Weitz [00:36:54]:
Entscheidend ist, jetzt anzufangen. Wir sollten nicht erwarten, dass wir die Antwort morgen oder nächste Woche haben. Es ist wie eine Lernreise. Stechen wir auch in den See. Du hast uns heute ein paar tolle Tipps gegeben, mit einem Kompass ein Stück weit ausgestattet. Ich finde toll, wie die, ich segel leider nicht, aber ich finde es ein tolles Hobby, wie das deinen Lebensweg und deinen beruflichen Weg begleitet. Der hat ja auch scheinbar dieses Segelwissen und auch dieser Mut, durch den Sturm zu gehen. Hat dir ja beruflich auch wieder so Wasser unter den Kiel gemacht. Wobei ich das sehr bedauere, dass du nicht als Schreinerin unterwegs bist. Vielleicht kommt das ja noch.
Stefanie Voss [00:37:35]:
Wenn Corona 2.0 kommt, bin ich vielleicht doch noch in der Schreinerwerkstatt zu finden. Ich liebe das, was ich mache. Ich hänge da mit viel Herzblut dran. Ich glaube, dass meine Talente und Fähigkeiten in dem Job, den ich jetzt habe, als Coach, als Speaker, als Workshop-Moderatorin, dass ich mich da sehr gut einbringen kann. Aber wenn es diese Rahmenbedingungen so nicht mehr gibt oder wenn auf absehbare Zeit live nichts mehr möglich wäre, dann würde ich tatsächlich umdenken wollen, weil ich kann viel Hybrid machen, aber ich brauche schon auch den Kontakt zu den Menschen. Der ist ganz, ganz wichtig.
Und im Moment habe ich den eben fast nur im Einzelcoaching. Meine Einzelcoaching Klienten kommen zu mir und wir arbeiten auch wieder tatsächlich in einem Raum. Ganz wenig im Teamcoaching, aber die richtig großen Veranstaltungen, die gab es eben noch nicht so wieder. Da kommen jetzt ein paar im September, Oktober. So denn die Zahlen und die Regelungen das erlauben. Aber wenn das alles komplett wegfallen würde, dann würde ich mich umorientieren. Ich bin ein soziales Wesen.
Annette Weitz [00:38:36]:
Was soll ich sagen? Wir sind hier 50 Live-Menschen, die natürlich auch im digitalen Raum sich bewegen. Ich kann es total verstehen. Ich denke, wir können einfach gemeinsam drauf hoffen und ein Stück weit auch vertrauen, live das Bedürfnis ist da, das ist zutiefst menschlich, das wird zurückkommen. Ich habe noch eine Frage zum Schluss und die ist wirklich rein persönlich. Gibt es irgendein Event, also auch gerne was bei dir im privaten Kalender steht, wo du sagst, da habe ich mal wieder so richtig Bock drauf, da freue ich mich drauf, etwas was live stattfindet, Ob das eine große Familienfeier
Stefanie Voss [00:39:03]:
ist, ein Konzert, ein Festival. Was ich sehr liebe und lustigerweise kurz vor Corona angefangen habe, ich bin eine leidenschaftliche Salsa-Tänzerin. Wow, con temperamente. Ich habe viele Jahre sehr intensiv Salsa getanzt. Dann habe ich mit der Geburt meiner beiden Kinder das Ganze so ein bisschen einschlafen lassen und hatte natürlich dann auch ein paar andere Prioritäten. Und just im Dezember 2019 habe ich nach ungefähr zehnjähriger Pause, habe ich wieder angefangen, das Salsa-Bein zu schwingen und bin bei mehreren Salsa-Partys gewesen bis zum Februar 2020. Genau, und wenn es irgendwas gibt, ich würde gerne mal wieder zu einer richtig großen Salsa-Party gehen und würde mir gerne die Füße wundtanzen.
Annette Weitz [00:39:45]:
Ja, die Seele aus dem Leib tanzen.
Stefanie Voss [00:39:47]:
Tanzen und Musik und das unter Menschen und auch eng zusammen, das ist was, was mir unglaublich fehlt.
Annette Weitz [00:39:54]:
Herrlich. Ich drücke die Daumen. Stefanie, ganz herzlichen Dank für diesen total interessanten Talk. Danke dir.
Stefanie Voss [00:40:00]:
Danke, dass ich hier sein durfte.
Annette Weitz [00:40:04]:
Ich hoffe, in dieser Episode waren auch für dich ein paar Tipps dabei, wie du, egal was ist und was kommt, der Kapitän auf deinem Lebensschiff bist, persönlich und beruflich. Das geht sicher nicht aufschnipp, Aber als passionierte Listenschreiberin starte ich jetzt erst mal mit dem Boxenstopp, den Stefanie uns ans Herz gelegt hat. Also die dreiteilige Liste. Was läuft gut, was läuft nicht gut und die dritte Liste, worauf richte ich meinen Fokus? Auch die Idee, meine Gedanken in einer Art Logbuch zu verschriftlichen, gefällt mir. Und zu guter Letzt gibt es ja dann noch die große Frage nach den eigenen drei Werten, quasi unseren Leitsternen, an dem wir unseren Kurs und unsere Entscheidungen ausrichten können. Ja, ich wünsche dir jetzt auf jeden Fall viel Freude beim Ausprobieren und freue mich, wenn wir uns hier wieder hören. Abonniere diesen Podcast und vielleicht kennst du ja jemand, der auch frischen Wind in die Eventsegel gebrauchen kann, dann teile diese Episode. In diesem Sinne, ahoi und herzliche Grüße aus Düsseldorf.
Bis ganz bald, bei Rhein persönlich.